Was Güte mit guter Führung zu tun hat

Wann haben Sie das Wort Güte zuletzt im Zusammenhang mit Führung oder Unternehmertum gehört? Wahrscheinlich nicht besonders oft.

Was Güte in der Führung bedeuten kann, beginnt für mich mit einem genaueren Blick auf ihre Bedeutung. Der Ausdruck „Du meine Güte!“ ist uns dabei ausgesprochen vertraut. Wir verwenden ihn bei Verwunderung, Überraschung oder Erschrecken, ohne meist noch darauf zu achten, welches Wort darin eigentlich steckt. Der Duden erklärt die Wendung als Ausruf, bei dem „Güte“ verhüllend für „Gott“ steht. Das Wort selbst reicht jedoch viel weiter.

Güte bezeichnet einerseits eine freundlich-nachsichtige Haltung gegenüber einem anderen Menschen und andererseits die gute Beschaffenheit oder Qualität eines Erzeugnisses oder einer Leistung.

Gerade diese zweite Bedeutung kennen wir im unternehmerischen Alltag sehr gut. Wir sprechen von der Güte eines Produktes, von Materialgüte, von Qualität und Beschaffenheit. Ein Gütesiegel steht für einen bestimmten Anspruch und dafür, dass etwas überprüfbaren Qualitätskriterien entspricht. In diesem Zusammenhang hat Güte nichts Weiches oder Unverbindliches. Sie beschreibt die Qualität dessen, was entstanden ist.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Auseinandersetzung mit diesem Wort. Denn wenn Güte bei einem Produkt etwas über seine Beschaffenheit aussagt, was bedeutet Güte dann beim Menschen?

Sprachlich gehört Güte zu „gut“. Der Duden führt das Wort auf mittelhochdeutsch güete und althochdeutsch guotī zurück. Beim Wort „gut“ wird es noch interessanter: Als ursprüngliche Bedeutung nennt der Duden „in ein Gefüge passend“.

Was bedeutet Güte in der Führung, wenn sie zur inneren Haltung wird? 

Für mich führt diese Frage unmittelbar zum Gutsein. Nicht zu einem moralischen Anspruch, immer gut oder fehlerlos sein zu müssen, sondern zu der Qualität, aus der heraus ich anderen Menschen begegne. Güte zeigt sich dann in Wohlwollen, in der Art, wie ich auf mein Gegenüber schaue, und darin, welches Menschenbild meiner Haltung zugrunde liegt.

Führung wird in der Wirtschaft häufig mit anderen Eigenschaften verbunden. Durchsetzungsstärke, Entscheidungsfähigkeit, Konsequenz, klare Vorgaben und Kontrolle gelten als klassische Führungskriterien. Lange Zeit war es selbstverständlich, Führung auch darüber zu verstehen, Verhalten durch Anreize und Sanktionen zu steuern und möglichst genau vorzugeben, wie Ergebnisse erreicht werden sollen.

Ich habe in meinen eigenen Jahren als Geschäftsführerin sehr unterschiedliche Vorstellungen von Führung erlebt. Meine eigene Haltung war immer stark davon geprägt, Menschen etwas zuzutrauen, ihnen Verantwortung zu übertragen und ihnen Raum zu geben, selbst zu denken, eigene Lösungen zu entwickeln, aus Fehlern zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass diese Art von Führung nicht von allen gleichermaßen als Stärke gesehen wurde. Wo ich auf Vertrauen und Eigenverantwortung gesetzt habe, wurde Führung an anderer Stelle stärker mit Kontrolle, Vorgaben und konsequenter Steuerung verbunden. Vielleicht ist genau deshalb die Frage so spannend:

Darf ich als Unternehmerin oder Unternehmer gütig sein?

Für mich bedeutet gütig zu führen nicht, weniger klar zu sein, weniger zu fordern oder Verantwortung aus der Hand zu geben. Ein Unternehmen braucht Ziele, Vorgaben, Verbindlichkeit, Leistung und Entscheidungen. Und selbstverständlich braucht es auch Konsequenz, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten oder Grenzen überschritten werden.

Güte braucht Klarheit in mir 

Der Unterschied liegt in der Haltung, aus der heraus ich all das tue.

Für mich braucht genau diese Haltung Klarheit in mir. Klarheit darüber, wofür ich stehe, was ich erwarte, was ich tragen kann und wo meine Grenze liegt. Erst daraus entsteht jene Form von Führung, die zugleich wohlwollend und konsequent sein kann. Güte ersetzt Klarheit nicht – sie braucht sie.

Güte verändert nicht zwangsläufig die Entscheidung. Sie verändert die Haltung, aus der ich entscheide, und die Art, wie ich meinem Gegenüber dabei begegne. Ich kann sehr klar sagen, was ich erwarte, ohne mein Gegenüber abzuwerten. Ich kann Leistung einfordern, ohne den Menschen ausschließlich nach seiner Leistung zu beurteilen. Ich kann Verantwortung übertragen und ebenso Verantwortung einfordern. Und ich kann eine Grenze setzen oder eine unangenehme Entscheidung treffen, ohne Härte zum Maßstab guter Führung zu machen.

Güte bedeutet für mich damit, den Menschen auch dort wertvoll zu sehen, wo sein Verhalten nicht meinen Erwartungen entspricht. Sie verändert die Art, wie Macht und Verantwortung gelebt werden, und sie schafft die Möglichkeit, Entwicklung überhaupt zuzutrauen.

Doris Bösmüller – Güte in der Führung