Empört! 

„Kinderbetreuung ist für mich keine Arbeit.“
Die Aussage von Bundeskanzler Christian Stocker hat eine enorme Empörung ausgelöst. Auch in mir.

Ausgelöst hat sie in mir auch die Frage: Was ist Empörung eigentlich?
Denn in diesem Wort steckt für mich etwas sehr Wesentliches:

Etwas hebt sich empor. Etwas kommt hoch, trifft auf mein eigenes Erleben, meine Vorstellungen und Werte. Und plötzlich spüre ich sehr deutlich: Da stimmt für mich etwas Wesentliches nicht.

Empörung ist mehr als Ärger oder Wut. Sie entsteht dort, wo etwas unseren grundlegenden Wertvorstellungen widerspricht. In ihr steckt ein Aufbegehren, ein inneres Sich-Erheben gegen etwas, das wir als falsch oder ungerecht erleben.

Vor einiger Zeit habe ich Stéphane Hessels Buch „Empört Euch!“ gelesen. Sein Aufruf, sich nicht mit gesellschaftlichen Missständen abzufinden, hat nichts an Aktualität verloren. Manchmal braucht es jedoch einen Anlass, der uns wieder daran erinnert. Wir leben mit Realitäten, organisieren unseren Alltag, tragen Verantwortung – und manches wird selbstverständlich, obwohl es das nicht ist.

Das kenne ich aus meinem eigenen Leben. Ich bin Mutter von zwei Kindern, immer voll berufstätig und einen Teil dieser Zeit alleinerziehend. Kinder, Beruf, Haushalt, Verantwortung, Organisation – Leben mit Kindern eben.

Wenn dann eine Aussage wie diese fällt, trifft sie nicht auf einen leeren Raum. Sie trifft auf Erfahrungen, Erinnerungen und Werte. Und genau dort kann Empörung etwas sichtbar machen.

Empörung richtet sich nach außen. Und das ist wichtig. Wir widersprechen, gehen in den Dialog, beziehen Stellung und stehen für unsere Werte ein. Wenn sich viele miteinander verbinden, kann daraus gesellschaftliche Kraft und Veränderung entstehen.

Mindestens genauso wichtig finde ich aber die Frage, wohin mich meine Empörung nach innen führt. Was wird mir dadurch über mich selbst bewusst? Welche Werte sind hier berührt? Was möchte ich anders würdigen? Wo habe ich in meinem eigenen Leben selbst zu wenig wertgeschätzt? Wo darf ich stärker für mich einstehen?

Denn Gefühle, die in uns hochkommen, können Klarheit schaffen – wenn wir sie zulassen, bewusst wahrnehmen und betrachten. Dann wird sichtbar, was darunter liegt: Erfahrungen, Werte, Grenzen und das, was uns verletzt hat, ebenso wie das, womit wir glücklich sind.

Der Moment, in dem mir bewusst wird, was sich da eigentlich in mir empört und warum, verändert etwas. Aus dem Gefühl wird Erkenntnis. Aus der Erkenntnis kann Haltung entstehen – und daraus Veränderung.

Was mir klar geworden ist, kann ich bewusst gestalten und verändern: in mir, in meinem Leben und durch mein Handeln als meinen Beitrag in der Welt.
Und wenn viele aus dieser Klarheit heraus für etwas einstehen, sich empor erheben, kann daraus auch gesellschaftlich etwas in Bewegung kommen.

Vielleicht ist genau das die positive Kraft der EMPÖRUNG: Sie bringt etwas empor, das gesehen werden will – damit daraus Klarheit und Veränderung entstehen können.